![]() |
Mittwoch, 28. Januar 2004
mir gefällt nicht mehr, was ich schreibe
docbuelle
22:39h
Ich sehe zur Zeit nicht mehr viel, was ich als schön empfinde, was ich (mit)teilen möchte. Man müßte so viel ausblenden, was Realität ist - in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, in der Natur -, worüber man nach und nach verbittert werden kann. Blockiert. Stumm. Niedergeschlagen. Die natürliche Reaktion jedes Lebewesens auf Bedrohung (des Wohlbefindens, der Sicherheit, der Würde, des Lebens) ist Flucht oder Kampf. Jeder Versuch, sich aus den hier bestehenden Verhältnissen durch "Flucht" zu entfernen, ist aussichtslos - es gibt keine besseren Verhältnisse mehr, nirgendwo. Sich andererseits wie ein Dackel in den Waden der Dreckschweine zu verbeissen, in der trügerischen Hoffnung, die Hünen zu fällen oder auszubluten, ist vergebene Liebesmüh' - weder sitzt die Gerechtigkeit am längeren Hebel, noch ist in der Gesellschaft eine Grundausstattung an ehemals natürlichen Schutzreflexen übrig geblieben, die auf allen Ebenen, aus purem Selbsterhaltungstrieb, diesem Treiben ein Ende setzen würde. Außerdem: man wird zu dem, das man bekämpft. Wenn es nur das Geld wäre, das die Welt regiert, wäre es halb so schlimm - es ist die hemmungslose Gier, die Maßlosigkeit, die längst kein erkennbares Ziel, keinen Sinn mehr hat, die sich im Brustton der Selbstgerechtigkeit äußert, die eitel, fast stolz, öffentlich zur Schau gestellt wird, mit der gleichen infantilen Attitüde, mit der sich pubertierende Knaben erste Erektionen vorführen, nur wesentlich weniger unschuldig. Ich bin inzwischen davon überzeugt, daß der "Weltuntergang", der Zusammenbruch der herrschenden Systeme - wenn er denn kommt - nicht von atomaren Blitzen oder Blitzen der Erleuchtung begleitet sein wird, sondern vor der Glotze zur Kenntnis genommen werden wird, von Leuten, die einfach weiter hoffen, daß es sich um eine Soap handelt und in der nächsten Folge alles wieder gut sein wird, die erst merken, daß es ihr Leben war, wenn sie vor die Tür treten und bis zum Hals in der Scheisse versinken, die dorthin zu kacken sie - immer brav auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung und ganz besoffen vom Versprechen der Chancengleichheit und ähnlichen Gebeten - Typen erlaubt haben, für die es keine Entschuldigung geben dürfte. Eine Gesellschaft, in der Millionen-Abfindungen und Millionen-Lottogewinne mit der gleichen unerträglichen Leichtigkeit des Seins betrachtet werden, wie Millionen von Arbeitslosen, eine Gesellschaft, in der einer dem anderen nur "hilft", wenn sich das rentiert, in der über Euthanasie einerseits und Klon-Züchtung andererseits mit der gleichen Zunge gesprochen wird, in der niemand mehr aufsteht und mit Tränen in den Augen dem Aggressor auf's Maul haut und sich mit dem Bruder, dem Hilflosen, dem Mitmensch verbindet, eine Gesellschaft, in der es "Macht" geben "muß", in der ein Mensch dem anderen Befehle erteilen kann, Weisungen geben kann, über Wohl und Wehe entscheiden kann, zeigt nicht notwendigerweise ihre vernünftige Strukturiertheit - sie zeigt, wenn ich es mal "positiv" ausdrücken soll, bestenfalls ihre Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsbedürftigkeit. Ideologien und Parteien und dergleichen sind schon lange nicht mehr die Antwort. Das sieht doch jeder. In den zehn Geboten liegt mehr Fortschrittspotenzial, die sind nur leider etwas unmodern geworden. Wie ein unverbildetes und glaubendes Kind sich zu Weihnachten den Frieden auf der ganzen Welt wünscht, so wünsche ich mir, daß immer mehr aufrechte Erwachsene, jeder zuerst für sich allein und still, auf ihre innere Stimme hören, die ihnen sehr leise, aber auch sehr genau sagt, was falsch ist und was richtig, sich und ihr Leben danach ausrichten, sich fast wortlos erkennen, wenn sie sich treffen und ganz unspektakulär verbinden. Nach und nach entstünde aus eigenem freiem Entschluß eine von einer sehr großen Mehrheit getragene anständige Gemeinschaft. Verzicht ist ja nicht immer gleich Verlust, Teilen bedeutet nicht Verlieren. Das wäre vielleicht ein Anfang vom Ende der Bedrücktheit und Unterdrückung, das wäre die wahre Freiheit; ein Leben in Würde und mit deutlich reduzierter Angst vor allem und vor allen. Ich werde wohl noch spinnen dürfen. Ich werde wohl noch wünschen dürfen.
|
honi soit qui mal y pense
last update: 2009-07-03 22:16 status
you are not logged in ... Login
menu
search
calendar
updates
vor acht Jahren...
same procedure... 13.07.2001 No Way Out... mein Freitag,... docbuelle (2009-07-03 22:16) |