Mittwoch, 20. Januar 2010
wie ein Berg

wieder viel zu spät, die DVD bleibt in den letzten 3 Minuten von "Bella Martha" in einer Endlosschleife hängen, das Bild ist eingefroren, aus dem Gehäuse des Players kommt dezentes, rhythmisches Klacken; ich friere und in der Brust ist auch dieses rhythmische Klacken und ich versuche, mir die Augen zufallen zu lassen, von der Autobahnbaustelle kommt grelles Flutlicht, nebenan rauscht Wasser, es wird wieder kühl werden; ich notiere im Kopf To-Do-Listen für morgen, ich teste die DVD im Mac, wo sie anstandslos läuft, das Ende kenne ich ohnehin, das Ende liegt auf der Hand.
Schon seit Tagen - den Tagen, in denen ich mir langsam entglitten bin, wie ein Betäubter langsam ins Wasser gleitet um dort zu ertrinken - bin ich grauer und hässlicher geworden, mein Lächeln, meine Falten, meine Würde sind aus meinem Gesicht verschwunden und haben dieser müden Resignation Platz gemacht, ich schlucke an meinen Gedanken und an meinen Worten wie an Erbrochenem und fühle mich schlecht, während ich nach und nach in ein anderes Leben hineingezogen werde, mich einziehen lasse, von Ekelgefühl begleitet und der damit üblicherweise verbundenen Ambivalenz; wie schwer die Schuhe am Boden haften, obwohl eine Drehung des Gesichtes, ein Ruck der Schultern genügen würden, mich auf den richtigen Weg zu bringen, ziemlich zerschunden zwar, aber wenigstens hinaus führend aus dem Umfeld von Anwiderung.
Das Plädoyer für Verständnis und Offenheit kommt so oft aus Ecken, wo die Folgen von wiederholten Tabubrüchen, bei denen auf keine Gefühle Rücksicht genommen wurde, längst jede Kurskorrektur verhindern.
Wie gerne hätte ich diese Geschichten nicht gehört, die du zu erzählen hast, wie gerne hätte ich nur die schönen Versionen gehört, als einzige Version, weil es die andern nicht gegeben hätte.
In der Dunkelheit klopfen die Wasserrohre der Heizung; irgendwo steht dein Schatten, eine Spur, ein Duft, ein Rascheln unter der Bettdecke; dann ist ein Radio zu hören und ich weiß, es ist Morgen und mein Gesicht ist nass; das Klacken und Knacken und Rascheln, das sich in meiner Brust verlaufen hatte, zieht sich wieder zusammen, dein Schatten ist fort und der Tag liegt wie ein Berg vor mir.

UNTERTITEL
si tacuisses,
philosophus mansisses


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