auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Donnerstag, 4. August 2005
Schauergeschichte

die plötzliche Entwicklung einer allergischen Reaktion auf die Gabe von monoklonalen Antikörpern, die gegen die Tumorzellen eines Malignoms gerichtet sind, ist eine Situation, mit der man rechnen muß; vor allem in einer Ambulanz, in der gleichzeitig ein Dutzend onkologischer Patienten behandelt wird. Die Betroffenen kollabieren manchmal recht schnell und oft völlig lautlos, denn mit zugeschwollenen Atemwegen und ausgeprägtem Kreislaufversagen kann man sich schlecht bemerkbar machen.
Dann ist die umgehende Einleitung von Notfallmaßnahmen angesagt, Absetzen eines Alarmrufes, parenterale Gabe diverser Medikamente, Vorbereitung der potentiell nötigen Reanimation etc., dann müssen viele Hirne und Hände gleichzeitig aktiv sein.
Dazu muß jemand da sein, der weiß, was zu tun ist, der das tun kann und der nicht gerade von einem anderen Notfall, vom Telefon oder von Bürokratie-Scheiß absorbiert ist und so allein mit all der Arbeit und den Gefahren, daß selbst für eine Toilettenpause kein Platz mehr ist im vollen Programm.
Gestern ist es nochmal gut gegangen.
Gestern ist die Betroffene, schwer schockiert, aber lebend, auf der Intensivstation gelandet, weil die einzige Fachkraft, die am Ort des Geschehens war, zur Verfügung stehen konnte und alles richtig gemacht hat.
Es dürfte zur Zeit völlig sinnlos sein, bei welcher Aufsichtsinstanz auch immer, solche Zustände zu beklagen, darauf zu drängen, daß wenigstens solche Abteilungen mit mehr Personal als einer einzigen Krankenschwester ausgestattet werden; das läuft allenfalls darauf hinaus, daß die Abteilung geschlossen wird und Krebskranke zur Chemotherapie in die nächste Großstadt fahren müssen.
Warum sollte Sie das interessieren?
Sie sind doch jung, gesund und haben einen Lebensentwurf in der Tasche.
Im Kleingedruckten steht da vielleicht, daß Sie nicht erst als durchgelegener Greis verröcheln werden, sondern eine mittelprächtige Chance haben, schon vor der statistischen Lebensmitte an "Organisationsverschulden" zu sterben; aber: wer liest schon das Kleingedruckte? Und wer liest und interpretiert schon Totenscheine?
Und wenn Ihnen das die gleiche Angst macht wie mir, dann machen Sie den Mund auf, wenn Sie in den nächsten Wochen einer dieser geschniegelten Fuzzis in der Fußgängerzone anmacht und die Flyer seiner Partei loswerden will; diese Typen dealen nicht nur mit Ihrem Geld, die dealen mit Ihrem Leben.
Falls Ihnen - wie mir auch oft - die Worte fehlen, falls es Ihnen nicht auf Anhieb gelingt, diesen Egozentrikern, gegen die man nicht intensiv genug polemisieren kann, einen Hauch lebendigen Intellekts und problemorientierter Zielstrebigkeit des Denkens und Fühlens einzuflössen, könnten Sie für weitere Versuche Schlingensief mit Hoppe amalgamieren.

à la recherche du temps perdu
last update: 2010-03-20 13:42

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