Donnerstag, 10. Februar 2005
call off the search

Wie kann man das beschreiben, darf man das überhaupt hinschreiben, ohne das Schicksal zu provozieren, was tut man sich selbst damit an und was anderen, ist es noch viel zu früh oder schon zu spät, bringt man die mail-Flut der Wunderheiler (bitte, nicht!), der selbst Betroffenen über sich (bitte, bitte, nicht!), macht man sich lächerlich, zu was macht man sich hier überhaupt?

Widerlich, breitgewalzte Leidensgeschichten, vor allem, wenn es die eigenen sind; peinlich; hat was von Heilsarmee und bekennendem Alkoholiker; ich glaube nicht an den reinigenden Effekt solcher Handlungen, aber man kann nie wissen.
Ich glaube, ich ertrage das im Moment einfach besser, wenn ich mich so nonchalant gebe.

Der Abgang des Nierensteines, vor Wochen, hat schließlich zur Zystoskopie geführt, diese zur Entdeckung des in der Blase liegenden Steines und ("tja, Sie haben leider Läuse und Flöhe!") des Tumors; der maligne Tumor auf der Blasenwand, Frühstadium, ist entfernt; vier Mal jährlich Kontrolle, alle zwölf Wochen eine Blasenspiegelung, fünf Jahre lang; Nachresektion, wenn nötig; über ungünstigere Lösungen darf nicht nachgedacht werden. Gute Chancen. Sagen die, die mir später die Histologie erklärt haben und alles andere. Was die Medizin kann und was nicht, was vorne ist und was hinten, wer oben ist und wer unten, alles vergessen. Ich bin so klein und nichtssagend und verstört gewesen in diesem gestreiften blauen Schlafanzug, ohne jedes Wissen, ohne jede Routine.

Die blutige Darmentzündung durch die Antibiotika, während des stationären Aufenthaltes, völlig unerwartete und unerwünschte Nebenwirkung, hat zur Koloskopie geführt, diese zur Entdeckung von zahlreichen Adenomen, eins davon kurz vor der Entartung, alle entfernt; Kontrolle jährlich. Wenn wieder was gewachsen sein sollte, weg damit.
Hätte ich nicht zufällig einen Nierenstein-Abgang gehabt, wäre der Tumor in der Blase erst später ... hätte ich nicht zufällig eine Darmblutung bekommen, wäre ich an Darmkrebs ... man redet mit mir, man redet auf mich ein, man ist verstört, daß ich nicht erkennen kann, daß ich ein Glückskind bin, ein Sonntagsjunge - von allen schlimmen Möglichkeiten habe ich mir die beste gegriffen. Und ich schäme mich, daß ich nicht sofort mitjubeln kann.

"Wie lange habe ich noch?", war meine erste pathetische Frage nach der Diagnose (wahrscheinlich habe ich eine derartige Szene in einem Kitschfilm gesehen), ratlos, verwundert; danach das in solchen Situationen übliche Verhalten, in Sarkasmus gerettet, Leben einer Marionette, die trotzdem glaubt, überall noch ein markiges Wort mitreden zu müssen, betäubt, hilflos wie häufig, aber wenigstens noch klar genug, bei den richtigen Leuten um Hilfe zu bitten, bevor der innere Zusammenbruch kommt und meine Stimme so tonlos und unmoduliert wird, so mich selbst abstossend.

Die Nächte in der Klinik, Spülkatheter im Penis, Spülflüssigkeitscontainer oben und unten, Schläuche von Infusionen, die seltsame Krisen-Nacht, als ich vor Schmerzen nicht schlafen konnte, trotz leise tickendem Perfusor, der mich mit allem vollpumpte, was modern und wirksam ist; ich habe stundenlang nur auf die Wanduhr meines Zimmers geschaut und gewartet, was nun passieren wird, die Schritte der Krankenschwester, ihre leise Stimme, die unglaublich gestörten Blutdruckwerte, keine wirkliche Angst, eher ein ungläubiges Staunen, fast etwas Erleichterung bei dem Gedanken, daß ich jetzt gleich sterben könnte.
In der Nacht ist ein Junge gestorben, halb so alt wie ich, an seinem Darmkrebs.

So auf der anderen Seite zu stehen bzw. zu liegen im Rollenspiel der weißen Kittel ist eine lehrreiche Erfahrung; die Neonröhren hinter sich weglaufen zu sehen bei der Fahrt durch die langen Gänge zum OP, mit deckenwärts gerichtetem Blick, keine Brille, keine Klarheit, Stimmengewirr, eine vertraute Hand voll Liebe und ein Satz: "bis gleich, mein Schatz"; der burschikose Humor der bis zum Umfallen erschöpften Ärzte, die jeden Tumor dieser Welt gesehen haben.
Und wie ich die Narkosen genossen habe, dieses widerstandslose Wegsinken in die Gefühllosigkeit, keine Angst mehr.

In meiner Erinnerung immer wieder Paris, Stadt in der Sonne; überhaupt Frankreich, überhaupt mein früheres Leben, in dem ich wenigstens nichts verpaßt habe. Ich bin wunschlos.

Wenn ich nur wüßte, was ich machen soll.
Wie wenig man selbst schafft, was man jedem anderen nahelegt: positives Denken, Ausgewogenheit, Verzicht und Vollwertkost.
Muß ich denn sterben, wenn ich es nicht schaffe, das vielbesungene Begreifen der Erkrankung als Chance? Werde ich denn untergehen, wenn ich nicht innerhalb kurzer Zeit positive Lebensziele entwickle? Patzigkeit.
Soviel Zorn und Wut und Selbstmitleid und vor allem Schuldgefühle; Auflehnung und Kapitulationsgedanken, Bitten und Abbitten, alles abwechselnd.
Und, noch unangenehmer, Scham.
Ich hätte es viel besser wissen müssen und sehr oft vernünftiger handeln müssen.
Beschissener Tumor, beschissene Situation, beschissene Ratlosigkeit. Portionsweise merken, was einem da passiert ist.
Wer Worte des Trostes spricht, ist ein Verräter.
Notfallflucht in Zitate und Melodram und potente Schmerzmittel erlaube ich mir jederzeit (habe ich mir eigentlich immer erlaubt); ich denke, wer beim Pinkeln vor Schmerz Kacheln aus der Wand treten möchte, findet für alles eine Entschuldigung.
Und ich muß endlich daran glauben, daß ich jetzt in Nachsorge bin.

Ich fange an zu begreifen, was das heißt, wenn man sagt: es kann in einer Sekunde vorbei sein, also genieße das Leben. Das stimmt wirklich, das sagt sich nur so leicht dahin, bis die Sekunde da ist.
Immer wieder Impulse, völlig unvernünftige Entscheidungen zu treffen.
Eine Frist setzen, bis zu der ich keine Entscheidungen treffe, nichts unternehme, alles so lasse. Von meinen Rücklagen kann ich nicht leben und Arbeit strukturiert die Gedanken.
Darf man zwischen Attacken von Todesangst alltägliche Dinge tun, ist es okay, stundenlang ruhig zu sein und plötzlich zehn Minuten krampfhaft zu weinen, wird man jetzt immer so abwechselnd gestimmt sein, befangen, gefangen, zurückgezogen, melodramatisch, hektisch, gelähmt und müde? In dieser Situation darf man fast alles. Und wechselnd gestimmt war ich doch auch immer.

Meine liebende und berufserfahrene (Urologie/Onkologie) Freundin hat ihren Urlaub geopfert, um die ersten Tage neben dem Bett zu sitzen, um bei mir zu sein; hat mich getröstet und, wenn nötig, getreten, damit ich nicht versacke.

Mein Bruder hat mich geküßt und umarmt und hat mir Wasser und Kuchen und Marzipan gegeben und hat mir alles erklärt, was ich vergessen hatte: z.B., daß kein personifizierter Gott oben am Tisch sitzt, wie ein Vorstandsvorsitzender, der Bonuspunkte oder Kündigungen von Lebensverhältnissen ausgibt; daß in 100 Jahren für jeden, der das gerade liest, das Leben beendet sein wird und damit die vielbeschworene Gerechtigkeit hergestellt ist; daß die lauten und leisen Fragen, die jeder stellt, sinnlos sind, weil jeder seine eigene Antwort finden wird.
Live and learn. Deine beste Zeit ist heute.
Mein Freund (HNO, kunstbeflissen, sitzt immer Reihe 13) sagt: "ich komme sicher in den Himmel - die können immer einen Theaterarzt gebrauchen".

Es ist für alles gesorgt. Keine Sorge.
This is the closest thing to crazy.

UNTERTITEL
si tacuisses,
philosophus mansisses


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