was weiß ich denn
Dienstag, 6. Mai 2008
avis de recherche
Wer da?
Natürlich hatte ich keinen Steckbrief geschrieben.
Natürlich habe ich erst in letzter Minute einige Fotografien aus der Schublade geholt.
Natürlich bin ich erst eine Stunde vor dem Treffen aus meinem unruhigen Schlaf erwacht.
Hätte ich einen Steckbrief geschrieben, würde darin das Gegenteil stehen: überpünktlich, pedantisch, vorbereitet auf alle Eventualitäten, hat immer alles dabei - kommt in allen Zweifelsfällen überhaupt nicht, sagt viel ab und wenig zu.

War ich immer so?
Der extrem dünne Junge mit etwas abstehenden Ohren und etwas hängendem Kopf, neben Roland ganz hinten sitzend, Busenfreund von Wolfgang H., noch vor der Pubertät mit Eva B. liiert, für etwa 24 Stunden (Eva hat die Beziehung nach reiflichem Überlegen beendet - unüberwindbare Gegensätze in Grundlagen der Persönlichkeit und in der Ansicht darüber, wie beschädigt ein Aluminiumring aus dem Kaugummiautomaten sein darf, wenn ich mich richtig erinnere).
Im späteren Leben gab es keine Ringe mehr, trotzdem viel Liebe, viel Lust, viel Sinnlichkeit und einige Tränen.
Und nein: keine Familie, keine Kinder, keine Scheidungsurteile.
Bis heute nicht.

Was haben wir denn gelernt?
Nach der Schule zwei Jahre Hilfspfleger, Autowäscher, Briefträger, bis der Numerus clausus überwunden war; Studium der Humanmedizin in Berlin bis zum Physikum, später Rückkehr nach W. und Fortsetzung des Studiums in Essen.
Staatsexamen; dann war ich plötzlich Arzt.
Promotion, klinische Weiterbildung in der Inneren Medizin und Chirurgie, einige Monate in einer Praxis, Facharzt für Allgemeinmedizin, vier Jahre Arbeitsmedizin, Zusatzbezeichnung "Betriebsmedizin", dann Gründung eines Arbeitsmedizinischen Zentrums, dort tätig bis heute.
Unspektakulär.

Was geht? Was geht nicht?
Ich habe kein Haus, kein zu großes Auto und kein Boot.
Ich bin wahrscheinlich der letzte Deutsche, der noch nie in einer Talkshow aufgetreten ist.
Ich kann putzen, kochen, waschen, bügeln, und in einem meiner Zeugnisse hat Kläre K. mit bescheinigt, dass ich fehlerfrei rechts stricken kann.
Ich habe immer noch einen Hass auf Musiklehrer, die mit schweren Schlüsseln nach Kindern werfen.
Ich misstraue jeder Ideologie.
Ich fürchte mich in Fitness-Studios.
Ich habe nie Gel im Haar und kein Zungenpiercing.
Ich reagiere allergisch auf Lärm, Chaos, Lügen, unangenehme Gerüche - und Pollen.
Ich mag italienisches Essen, Kaschmir-Pullover und Menschen, die über sich selbst lachen können.
Ich besitze nur eine einzige Krawatte, aber zwei Apple-Macs.
Ich rede viel, bin aber mit einem Kuss zum Schweigen zu bringen.

Und sonst?
Ich habe viel getan und gemacht und gelernt und viel vergessen.
Ich habe einiges mitgemacht und manches verpasst.
Ich bin um und in die ganze Welt gereist und habe mehr gesehen, als in einem Menschenleben von meiner kleinen Seele verdaut werden kann, ich habe Menschen gerettet und ich habe Menschen sterben sehen, ich habe so viele Jahre nur mit meinem Beruf gelebt, dass ich nicht mehr wusste, wie Leben geht, als ich das ganz bewusst gewollt habe.
Die Kreativität, diese eine unschätzbare Grundlage, die uns die Schule mitgegeben hat, die Tatsache, dass wir nicht viele Fakten wussten, aber das Lernen gelernt haben, hat mich aufgefangen.
Wieder malen, wieder mit den Händen arbeiten, wieder lesen, wieder Musik hören, wieder Fotografie und Bildbearbeitung, wieder Menschen treffen, die nicht Patienten waren, wieder Zeit haben, Psychologie, Filme, Abenteuer, Leben und Lernen.
Später habe ich den Computer und das Internet entdeckt.
Seit Jahren stelle ich Fotografien aus im Internet.
Seit Jahren schreibe ich, ein Weblog, ein öffentliches Journal, so "erfolgreich", dass kürzlich einer meiner Texte in eine Ausstellung über diese neue Form der Kommunikation integriert worden ist; ja, ich bin stolz darauf.

Also gut:
vorbereitet war ich nicht, aber nachbereitet habe ich die Stunden mit Euch.
Hier ist die Story, die ich noch vor Ablauf unserer Nacht ins Internet gestellt habe.
Es geht nicht um Genauigkeit, es geht um Gefühle.
Was ich Euch sagen wollte:
Ihr wart die einzige Plattform, auf der ich tanzen konnte, die einzige Gemeinschaft, in der ich sicher war.

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"Honi soit qui mal y pense"
last update: 2008-07-23 16:06
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