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Dienstag, 16. Juli 2002
Senza Sale Ansichtskarten schreibe ich nicht. Was ich sehe, rieche, schmecke und fühle, hier, in der Toskana, paßt nicht ins Format DIN-A6; Grün und Weiß und Rot im True-Color-Modus. Ich schaue auf einen Apfelbaum, auf Weinfelder und Olivenhaine, auf einen Rosenbusch, einen kleinen Wald am Horizont, die Kirche. Es ist früher Nachmittag, Ruhe am Pool, träge Stille über der alten Villa, in der wir eine kleine, zweistöckige Wohnung genommen haben; Oleander vor der Tür. Ich bin, 1300 km weit entfernt von zuhause, eingetaucht in eine Ansammlung aneinander gereihter Highlights des Weltkulturerbes. Keine Notwendigkeit, sich beim Abarbeiten von Reiseführern zu hetzen, ich kenne die Gegend. Wer sich für Kunst erwärmen kann, der wird hier einen Hitzeschlag bekommen; wer gerne ißt, der wird hier erkennen, daß die französische Küche ihre Wurzeln in der Toskana hat. Nach krossen Crostini, überbackenen Gnocchi, handgemachter Pasta, Bistecca a la Fiorentina und Panna cotta lächeln sogar die Engländer am Nebentisch und küssen, beflügelt vom Chianti, ihre Begleiterinnen auf die Stirn. Hier riecht der warme Wind nach Gewürzen, hier leben die schönsten Männer und die kleinsten Omas der Welt. Zahlenspiele 39 Grad im Schatten (eigentlich seltsam, daß man im Urlaub Temperaturhöchststände registriert, die man zuhause berichten wird, als seien es persönliche Bestleistungen), in den verkehrsberuhigten Zonen von Florenz ist mehr Verkehr, als zur Rush-Hour in einer deutschen Großstadt.; Rasseln in der Lunge bei jeder Stufe der Museumstreppen, Kultur muß geatmet werden. Ein Eishörnchen (medium) kostet EUR 6,20.-; das gesamte Kulturgut Italiens ist (laut "Spiegel") 2000 Milliarden EURO wert. Gegen die zum Zwecke der Sanierung der Staatsfinanzen angedachte Veräußerung desselben protestiert ein italienischer Kultur-Fuzzi, der nebenbei von sich erzählt, er habe 2000-3000 Frauen "verführt". Ich bin beeindruckt; das sind Zahlen, mit denen man sich sehen lassen kann. Animalisches Jeden Abend bellt uns ein zotteliger Hofhund an, wenn wir auf dem Weg zur Trattoria unseres Vertrauens seinem Revier zu nahe kommen. Dann steht plötzlich ein Blaulicht-bewehrtes Rettungsfahrzeug auf dem Hof, drei Sanitäter mit Autoritätsmiene befummeln einen jungen Deutschen - der Hund hat zugeschnappt, Bißwunde am Knie. Der junge Mann wird vorübergehend in die Obhut einer Klinik überführt, der Hund bleibt, wo er ist, siegreich, satt, zufrieden. In Florenz kann man sich mit offenen Kutschen durch die Stadt fahren lassen (ich habe darauf verzichtet). In den Pausen zwischen den Einsätzen nimmt der Kutscher den Kopf seines Lieblingspferdes fest in beide Hände, küßt das Tier auf die Nüstern und singt ihm ein Lied vor, laut und liebevoll; anschließend gibt es eine Portion Hafer (für das Pferd!) Nach zwei durchlittenen Nächten bin ich inzwischen im Besitz von zwei Verdampfern für Citronella-Düfte bzw. Transfluthrin (Hinweis aus dem Ressort "Warentest": letztere Substanz scheint wirksam zu sein und riecht nicht so penetrant seifig, wie die "Naturmittel"; das Zeug gibt es unter zig Handelsnamen als Lösung, Spray, Plättchen für die Steckerverdampfer etc., ist aber nix für ökologisch beflissene Bedenkenträger, kleine Kinder oder Asthmatiker), seitdem ist wenigstens das Schlafzimmer eine Mücken-freie Zone und die saugenden Insekten erwischen mich nur noch tagsüber, im Freien. Habe überlegt, ob ich nicht Fotos meines blutig gestochenen Leibes den zahllosen Nonnen aus aller Herren Länder, die hier Devotionalien suchen, andienen könnte. Das ist übrigens recht spannend, bei superhohen Außentemperaturen in einem supergroßen Supermarkt superlange Gänge mit supertiefen Regalen nach einem Anti-Mücken-Mittel abzusuchen, in Italien, wenn man selbst sehr mangelhaft Italienisch spricht und das Personal dort, sagen wir mal, der deutschen Lingua eher gar nicht und des Englischen kaum mächtig ist - hier also zum Mitschreiben: man frage nach einem "Elettroemanatore + Ricarica", lese dann auf der Packung: "elimina le zanzare" und kann relativ sicher sein, daß es sich um einen elektrisch beheizten Vaporisator mit wechselbarer Flüssigpatrone zur Elimination von Stechmücken handelt; falls die Packung billig ist und Tampons enthält, hat man etwas falsch gemacht; nochmals versuchen, es sei denn, man möchte mit Watteröllchen nach den Mücken werfen. Gepflegte Tierliebe gibt es auch in der Schweiz. Beim Aufenthalt in Basel, meiner üblichen Zwischenstation auf dem Weg ins Licht, habe ich eine Nagelzange für die Fußnägel von "Meersäuli" (= Meerschweinchen) entdeckt. Pomp and Circumstance Ich bin dann doch noch einmal in die Uffizien mitgegangen. Botticelli mag ich am liebsten, auch, wenn seine Hauptwerke hier nur hinter Panzerglas zu sehen sind. Draußen, auf dem großen Platz zwischen den parallelen Trakten des Museums, schmettert ein junger, etwas dicklicher Tenor aus Polen seine italienischen Arien, umringt von Japanern und Deutschen mit feuchten Augen. Ich möchte plötzlich mit meiner Freundin auf offener Straße tanzen. Adesso tu In wenigen Stunden nehme ich Abschied von hier, traurig, wehmütig. Diese Landschaft, diese Stimmung, diese Menschen; ich kann sie nur ungenau beschreiben, und auch Bilder geben ja nur subjektiv gewählte Ausschnitte wieder, sind allenfalls Appetizer oder für den, der hier war, der Anker für ein lächelnd geflüstertes "weißt Du noch?"
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si tacuisses, philosophus mansisses STATUS MENÜ SUCHE KALENDER ARCHIV |