Dienstag, 21. Mai 2002
hardbody

ich habe, in einem prolongierten Anfall von Maler-Wahn, innerhalb von drei Stunden drei uralte Holzfenster lackiert, dabei ist die Aufhängung eines Fensters aus dem (wohl etwas morschen) Rahmen gerissen; da stehe ich also, zwei große "P" in den Augen, in einer Hand den Pinsel, in der anderen Hand das schwere, lackfeuchte Fenster, gottseidank nach innen fallend ... okay, drei Züge aus dem Riechfläschchen mit Lösemittel, Haltung bewahren; Fenster vorsichtig verkanten, Schrauben holen, eindrehen, eine Schraube reißt, jetzt vier große "P" in den Augen und erste Krämpfe in Armen, Beinen und Hinterkopf, Fensterscharnier an nur zwei Schrauben befestigen, Fenster wieder einhängen, kleine dankbare ekstatische Schluchzer ablassen, als alles wieder schließbar ist, weiter lackieren ... irgendwann, vor zwei Stunden, habe ich meinen geschundenen Körper unter einer sehr heißen Dusche von Lackspritzern, Blut, Schweiß und Tränen befreit und mir geschworen, nie wieder ein Werkzeug anzufassen, nie wieder ...
Morgen geht es weiter, lackieren, Dichtungen erneuern usw.
Eine Altbauwohnung ist wie eine Wundertüte, ist eine never-ending-Story ...

Morgen gehe ich auch wieder zum Frisör - danach wachse ich immer über mich selbst hinaus; wahrscheinlich das ganze Adrenalin, das mich schmerzlos und high macht, wenn ich eine Stunde kalten Stahl, Scheren und Messer im Kopfbereich gefühlt habe.
Ich überlege, ob ich mir den schönen Frisier-Umhang (den mit dem gestickten Drachen vorne) von der Frisörin meines Vertrauens ausleihen soll für die Malerarbeiten, dann mit nacktem Oberkörper und kurzer Hose unter dem lässigen Drachenumhang pinselschwingend an den Fenstern hantiere ... müßte ein Bild für die Götter sein ... aber: könnte auch Ärger mit den Nachbarn oder der Handwerker-Innung einbringen oder eine Nacht mit nach hinten gebundenen Händen unter Einwirkung eines starken Antipsychotikums in einem Raum mit weichen Wänden... Vorteil: ich hätte mal Ruhe; Nachteil: die Fenster werden nie fertig.
Ach, diese Entscheidungen.

Was gab es sonst noch?
Die Zusage für eine kleine Wohnung in der Toskana; zwei Wochen, in der Nähe von Florenz, bald; ich träume von Pool, Pasta, Pinien und dem glücklichen Gesicht meiner sonnen- und Chianti-durchglühten Freundin.
Vielleicht gelingt es mir auch endlich, dieses eine Foto zu machen, dieses Bild vom Frühnebel in den Tälern unter den Weinbergen.

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non-permanent ink

Ich möchte wieder ein unbeschriebenes Blatt sein.

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Drachenblut

Die dünne Haut wird immer durchsichtiger.
Meistens kann ich mich retten auf den Seitenstreifen, absurde Pirouetten, einen Looping auf der Achterbahn drehen, ein Bild manipulieren, ein Märchen erzählen.
Manchmal kann ich das nicht; da werde ich nicht sprachlos, aber kann nicht formulieren, kann keine Sätze machen aus dem aufoktroyierten Schrecken, der an mir klebt, wie ein Kaugummi unter dem Absatz.
Wenn dann doch Worte dastehen, wirken sie so künstlich, so unzutreffend.
Als ob man mit ein paar Worten alles in Cellophan packen und weitergeben könnte, wie einen Strauß Sarkasmen.

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UNTERTITEL
si tacuisses,
philosophus mansisses


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