si tacuisses, philosophus mansisses

Donnerstag, 16. Mai 2013

ich wollte Dir doch schreiben, wenn ich aus dem Gewirr von Endoskopen und Erythrozytenkonzentraten wieder 'rausgekommen bin; hab' ich nicht vergessen, nur verschoben, weil mir so nach und nach aufgegangen ist, dass ich zwar selbst keine Lust auf Smileys mehr habe, trotzdem aber jeden zweiten Satz prophylaktisch damit interpretieren muss, damit niemand auf die Idee kommt, ich würde Frauen hassen oder Katzen oder so, und das fand ich dann soooo anstrengend, dass ich das Schreiben fast ganz aufgegeben habe. Und, ehrlich gesagt, Wullf- und Hoeneß-Bashing laufen sich auch rasch tot.
Falls Du mal hier warst: ja, ich lebe wieder, zwar mit ein, zwei Ängsten mehr, aber daran gewöhnt man sich relativ rasch; vorerst fahre ich allerding nur dorthin, wo man im Fall der Fälle ziemlich sicher sein kann, HIV-getestete Blutkonserven zu kriegen und vollverpackte Braunülen ...
Habe jetzt ein kleines Haus am Meer gemietet, Jylland; da kann das Wetter eigentlich kaum schlechter sein, als hier und ich kann am Kamin sitzen und auf's Wasser schauen und irgend etwas Markiges per WLAN ins Netz senden.


Dienstag, 7. Mai 2013

als ob zehn Monate nasskalter Winter gewesen wären, als ob sich mein Körper dem plötzlichen Licht der Sonne und der zaghaften Wärme eher entgegenstreckte, als die Seele ihm folgen könnte.
Als ob - jetzt darf man schon sagen: damals - mit dem ganzen aus mir rinnenden Blut mehr verloren gegangen wäre, als Sauerstofftransportkapazität; überall noch leere Stellen und Weissraum im Gemüt und in der körperlichen Kraft, überall noch plötzliches Stocken und stilles Vermissen und Nachdenken, wie ich an die Stränge knüpfen kann, mit denen es dann sicher weitergeht.

Ich war und bin in einem Mechansimus geübt, der mit dem Begriff "Kontrolle" am besten zu umschreiben ist; typisches Muster der Singles, ihr einziger Weg in Sicherheit, aus Not Tugend machend, bar jeder Anwesenheit und Greifbarkeit anderer Menschen, auf die sich zu verlassen oft genug im Absturz geendet ist.
Die Kontrolle über mich selbst zuerst wiedererlangen möchte ich, danach die über die Verhältnisse, wie gewohnt und wie zerronnen.

Inzwischen atme ich langsamer, gehe langsamer, bremse immer häufiger, wo ich früher absichtlich beschleunigt hätte; Pläne mache ich bestenfalls für 3-Monats-Abschnitte und selbst dann so, dass mir im Bewusstsein bleibt, wie rasch auch die Reservepläne unumsetzbar gemacht werden können.
All das weniger real gegebenen Behinderungen geschuldet, als den inneren Blockaden, mit denen ich mein zerlaufendes Selbst eingezäunt habe.

Ab und zu lasse ich den Morgen auf mich wirken, sitze in der Wohnung über den Dächern von Paris, in der ich noch in der Nacht letzte Spuren gelebten Lebens getilgt habe, ein staubfreies Ambiente in einem Altbau, der synchron mit mir zerfällt, langsam, aber immer häufiger reparaturbedürftig und wartungsintensiv, schalte für wenige Minuten in slow motion und schlürfe Kaffee zu einer Schnitte Brot, warte auf das Hochfahren der Kommunikationselektronik und die alsbald einlaufenden Piepstöne, mit denen ich zum online-Kauf von Viagra ebenso animiert werde, wie zu verbilligtem Hackfleich aus Portugal, ich verpacke Abfall, ich wische Wasser aus der Spüle, ich öffne und schließe Türen und gehe hinaus in die gewohnte Geräuschkulisse des Berufsverkehrs, ich lasse den Tag zur Routine werden, flachbogig laufend und meistens in Abende mündend, an denen außer weiterer Arbeit nichts mehr anfällt.

Und ab und zu denke ich, wie es wohl wäre, wenn ich leben würde wie die andere Hälfte der Menschheit, den Kaffee von einer leicht verschlafenen Frau gereicht bekäme, die mir auch den Abschiedskuss an der Tür geben würde - jahrzehntelang allein lebend, immer mal wieder und dann immer öfter, sind die Gedanken fast irritierend, kommt mir eine Umsetzung ins reale Hier-und-Jetzt vor, als würde ich mich zur Körperpflege auf eine Bühne setzen.

Ein durchnittliches Leben hier ist nicht mehr entweder/oder - es ist (inzwischen schon fast regelhaft) eine Abfolge von Beziehungen, die sechs, sieben Jahre blühen und verwelkend der Option für einen neuen Abschnitt Platz machen; die serielle Monogamie, die Promiskuität, die fast nahtlos, aber säuberlich nacheinander gelebt wird, bis nicht der Tod scheidet, sondern der Mangel und der Hunger diese Aufbruchstimmung stimulieren. Womit keine Wertung verbunden sein soll, wohl wissend, welche teilweise beklemmenden Kompromisse mit beiden, mit allen Lebensentwürfen verbunden sind.

Ich lebe jetzt ohne Konzept, niemand, nicht mal ich selbst, fordern die Machete des Willens und Wollens, mit der das lästige Gestrüpp der voneinander abhängenden Fragestellungen zu lichten wäre.
Minutenlang errechne ich online, mit welchen Summen ich zu leben hätte, wenn ich den Bettel morgen hinwerfen würde, nur um Stunden später angeregt Visionen nachzuhängen, in denen ich mich weit über die notwendige Zeit hinaus Rat und Tat verteilend unter Menschen sehe, aktiv und kompetent und gefragt wie eh und je.
Wo leben und wie leben und mit wem leben sind keine Fragen, auf die ich jetzt schon eine Antwort wissen möchte.
Alle zwei Monate sind die Umstände anders, alle zwei Monate höre ich ein Leben auf, um ein zweimonatiges anderes zu beginnen.

In den nächsten Wochen werde ich wahrscheinlich in Jylland sein, irgendwann danach in Paris oder Berlin, es ist auch das ein Ausdruck der Sehnsucht nach Neuem und zugleich Bekanntem; ich hoffe auf Sonne und Wärme und sich daran zu erinnern zu vergessen und vice versa.

Eines ist mir geblieben: diese Bereitschaft zu lieben auf Leben und Tod - nicht mehr so pathetisch, aber so bereitwillig -, dieses innerliche Zusammenrollen in Dir, die Vollkommenheit der Erfüllung bei der Eroberung deines Körpers, die Dankbarkeit für die Erregung deiner Hingabe.
Nur eine Ebene des Lebens ist immer wirklich wichtig gewesen, nur diese Ebene: die Verschmelzung miteinander, und sei sie nur Nanosekunden lang, diese Kongruenz, die jeder Mensch, wenn überhaupt, allenfalls ein einziges Mal erleben kann, die endgültig klar macht, dass es die sagenumwobene Blaue Blume gibt, die nicht auf Zuruf blüht und trotzdem fordert, den Glauben an sie nie zu verraten.

Obwohl Du diffundierst, langsam entschwebst, im grenzenlosen Raum fast schon zur Erinnerung wirst, bist Du in mir, ist der Teil von Dir, der für mich vorgesehen war, jetzt Bestandteil von mir, ist ein großes Geschenk, ist die Antwort auf die Frage, ob es das gibt, was ich nie gut genug beschreiben konnte, ist das JA zu dem, was ich immer wollte und hat das NEIN ersetzt zu allen Alternativen.

Vielleicht ist es so: seit ich Dich und die kurze Zeit zusammen erlebt habe, ist alles andere geschrumpft auf normale Dimensionen und nur Dich konnte ich retten und mich in Dir, und nun weiß ich, dass ich über den Horizont geblickt habe, in das Lichtherz, und ich weiß, dass es vollkommen war und mehr nicht geben kann.

Man kann fast alles und jeden aus der Verklärung und Überhöhung herausziehen, man kann wieder normal werden und normal sein lassen - bei Dir gelingt mir das nicht, und damit sich abzufinden ist jetzt eine meiner Aufgaben: ob ich Dich höre oder Deinen Duft empfange, Dich spüre oder sehe, immer wird das Bild leuchtend und überstrahlt und ich merke, wie ich in Dir versinke.


Dienstag, 23. April 2013

muss man erst die Menschenrechte verletzen, um von einer Gruppe schöner Frauen mit nacktem Oberkörper überfallen zu werden!?



Therapeuten betonen unaufhörlich, dass Gesundheit am schnellsten an der frischen Luft wächst: sie glauben an Erkenntnisschreie vor Haselnusssträuchern



Präsidenten von Club und Land - immer wieder in meinem Leben habe ich mich gefragt, was ein Mann mit 5, 10, 100 Millionen Mark oder Euro oder Dollar oder Franken wohl macht. Wenn ein Sohn gezeugt, ein Haus gebaut, ein Baum gepflanzt sind, wenn vielleicht drei tolle Autos und ein eigenes Boot warten. Kann der mehr als fünf Steaks am Tag essen? Mehr als drei seidene Hosen übereinander anziehen? Sich in zehn Eigentumswohnungen zugleich aufhalten?
Und wie verdient man viele, viele Millionen? Hat einer von denen das Mittel gegen den Krebs gefunden? Oder lässt der eine allenfalls ein paar Jungens nach 'nem Ball treten und der andere steht eben ab und an aufrecht auf einem Teppich? Der ist wenigstens meistens still. Komische Welt.
Meistens sind diese Typen kleingewachsen und fett und verschlagen, in sich selbst verliebte Mamma-Söhnchen,
Nadelstreifen-nouveau-riche-Spiesser. Also liegt es nahe, an Überkompensation zu denken. Oder eine schwere Form von Persönlichkeitsstörung. Oder eine Kombination von beidem.
Wer also geistig oder charakterlich krank ist, der darf das: Steuern hinterziehen in einem unvorstellbaren Umfang, in einem gut dotierten öffentlichen Job Zuwendungen mit Bestechungschrarakter annnehmen, seine Frau wechseln, wie man sich ein neues Auto kauft, öffentlich den besserwissenden Kotzbrocken raushängen lassen, sich par ordre de Mufti an kleinen Schwachen vergreifen, das Arschgesicht in jedem Medium in die Öffentlichkeit halten, bauernschlau und vorab informiert in Aussicht gestellte Schlupflöcher aus der Bestrafung heraus nutzen, kleinlaut gucken und widerlich sein.
Moral ist nicht das Thema; Moral ist weg. Aber die Tatsache, dass da eine Parallelgesellschaft aus ein paar Sausäcken spitzfüssig herumstolziert vor unser aller Augen, an die nichts und niemand mehr herankommt und wenn doch, dann allenfalls um ein Literchen Rahm abzuschöpfen vom Manna, den berühmten Tropfen auf den heißen Stein kippt, damit alle sich im enstehenden Nebel der Verdampfung wieder davonschleichen können, das schmerzt manchmal; diese Protagonisten gelebter Unerreichbarkeit für Lob und Tadel, dieses Pack, das genau weiß, dass morgen die nächste Sau durch's Dorf getrieben wird, die sind mir so unerträglich, weil alles einfach weitergeht, weil man sein Schwert so gerne gegen die Drachen erheben möchte und am Ende nichtmal einen Wurm trifft.



und all das, während man zuhause im Bett liegen und weinen will


Dienstag, 9. April 2013

wie zu erwarten sind auch in unserem Fall all die negativen Gedanken und Vermutungen auferstanden, die viele Vebindungen zwischen anderen und mir belastet haben; Eifersucht, Misstrauen, Verdacht und Dunkelheit in Herz und Hirn.
Ein Kommen und Gehen.
Mehr noch als in früheren Zeiten, wahrscheinlicher, als in anderen Konstellationen liegt so vieles auf der Hand oder ist griffbereit, um nicht nur Fragen zu stellen, sondern infrage zu stellen, um Zweifel und in Anbetracht der Intensität der Gefühle auch fast Verzweiflung aufkommen zu lassen.
Du bist so unwahrscheinlich, wir sind so unwahrscheinlich, zwischen hundert gelebten Stunden, zehntausend gesagten Worten, den Minuten erlebter Ekstase und der alltäglichen Realität der Welten, in denen wir lebendig und dennoch mit einem Teil unseres Selbst beim und mit dem anderen sind, klaffen so viele Lücken und bieten sich so viele Formeln an, um uns für nichtig zu erklären, für unmöglich, dass es schwerer ist als je zuvor, dich und mich und uns und unser wir leben zu lassen und an ein Überleben zu glauben.
Du hast so viele Begabungen, so viel Wissen und Wärme; und bist dabei, mich zu lehren, was Liebe sein kann.
Hätte ich dich nicht getroffen, hätte ich nie in meinem Leben zu einer Frau sagen können: Du bist die Schönste; nie hätte ich solche Wollust real erlebt, hätte nie die Hingabe einer Frau so übereinstimmend und so rückhaltlos befriedigend erfahren.


Sonntag, 7. April 2013

"Waren Sie jemals richtig verliebt, so dass Sie das Essen vergessen und sogar die Sprache?"
("Nachtzug nach Lissabon").
U. a. (taz, Welt, Tagesspiegel etc.) von SPON wird der Film verrissen, arrogant und von diesem SPIEGEL-typischen Drang gekennzeichnet, alles besser zu wissen und vor allem immer genau zu wissen warum man Filme zu drehen hat und wie die dann sein müssen, um Aussage geht es immer, als ob in jedem flüchtigen Kuss unter allen Umsänden eine Aussage stecken müsste; Gott, wie mich das ankotzt, dass jedes Problem problematisiert werden muss unter Intellektuellen, die aus Prinzip so viel beschissen finden müssen und im Grunde doch jedem um sich herum einen Film, ein Essen, ein Getränk, ein Lieben und ein Lachen kaputt machen müssen - und genau deshalb bin ich in's Kino gegangen und habe mir einen Film angesehen, der neben der geliebten Martina Gedeck auch bunte Bilder der alten Gassen von Lissabon zeigt und melodramatische Liebe und zornige alte Männer (gespielt von der aktuellen Elite europäischer Schauspieler) und gar nicht erst versucht, den (übrigens komplett ausgebuchten, von Popcorn und stinkenden Tortillas freien) Saal mit überheblichen Belehrungen über Faschismus und Revolution und Nelken zu langweilen.
Alte Regel von mir: nie in Filme gehen, die SPON wohlwollend betrachtet oder, schlimmer noch, empfiehlt; ist meistens was für Blaustrümpfe mit prämenstruellem Syndrom - immer anschauen, was dort verrissen wurde.


Montag, 1. April 2013

Then Sue came along, loved me strong, that's what I thought
But me and Sue,
That died, too.
Don't know that I will but until I can find me
A girl who'll stay and won't play games behind me
I'll be what I am
A solitary man
A solitary man

("Solitary Man", Cash)


Dienstag, 26. März 2013

ich höre Vivaldi, Opernarien, sitze in diesen Klängen und spüre mitten im hochgeheizten Zimmer die Kälte, über die jeder mit jedem redet, als gäbe es einen Rekord für die dickste Unterhose zu brechen.
Gestern bin ich befreit worden, von einer negativen Diagnose, durch ganz nette Laborwerte und einen Ultraschall, befreit von etwas Angst und drei großen Packungen Medikamenten.
So kann es weitergehen.

Mein Handlungsspielraum wächst wieder etwas, seit ich nicht mehr statt Erleben ein griffbereites Erythrozytenkonzentrat imaginiere.
Eigentlich wollte ich in Berlin sein über die anstehenden Feiertage, wollte in Paris sein vielleicht.
Eigentlich wollte ich es lauter sagen, dass und wie ich verliebt bin, wie ich gelernt habe auf drei Ebenen zu tanzen, von denen nur eine ich selbst bin, eigentlich wollte ich längst weiter sein, aber manchmal spielt auch mit mir das Schicksal die Szene, dass man einem Menschen nur dann ein Problem abnehmen soll, wenn man ihm ein schwereres bieten kann.
Eigentlich entdecke ich, dass ich Achterbahn fahre und mir deshalb wohl manchmal etwas schwindelig wird, dass ich in der Kurve bin, noch nicht in der Bremsstrecke des Auslaufes.
Eigentlich merke ich, dass es gut sein kann, dass die Zeit endet, in der ich oft besonders laut oder verdächtig leise war, um Deinen Namen nicht zu verraten, Dich nicht zu verraten.
Und mich.
Natürlich.


Sonntag, 24. März 2013

'Cause you only need the light when it's burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go
And you let her go

(all the little lights)

Wie Psalmen:
4,5 Mio./µl, 13,8 g/dl


Sonntag, 10. März 2013

NRW-Forum, Düsseldorf, Brian Adams - exposed, rappelvoll, Katalog sauteuer und trotzdem ausverkauft, sehenswert, später draussen weiter Dauerregen, Helium Juicy Pack für's iPhone 5 bestellt, beim Koreaner an Gesundkost (unschuldig anmutende kleine Zwiebeln, Sprossen und Soja und Chinakohl mit so einer seltsamen giftroten Paste, die mich innerhalb weniger Stunden zu einem leichtfüssigen Luftbauch aufgebläht hat) überfressen, dauerkrank gefühlt, Behördenkram erledigt, viel geschlafen, dabei feuchte Träume von fetten McDonald-Produkten und meinem neuesten Lieblingskuchen aus dem Supermarkt, einem riesigen gedrechselten Teil mit viel Marzipanmasse und Rosinen, das für 2,99.- ca. 1700 kcal mitbringt und von mir natürlich nur, bekleidet mit Kapuze und Sonnenbrille, auf einem 'rübergeschobenen Zettel notiert bestellt wird ... ich warte auf den Tag, an dem neben mir halblaut redende Koryphäen der Ökotrophologie das gleiche haben wollen: Sascha, den Striezel.
Neutral verpackt, natürlich.


Dienstag, 5. März 2013

Liebe S., sinngemäß habe ich mich das auch gefragt: gab es das Bild?
Vielleicht ist wichtiger: hatte es Bedeutung?

Das Bild ist gewachsen vor langen Jahren, im Rahmen diverser, mehr oder weniger intensiv betriebener Beschäftigung mit psychologisch-psychotherapeutischen Fragen (Coaching); die Grundidee war das Verwirklichungsbedürfnis positiv getönter Imaginationen und Ideen, die der Mensch sich bildet, wie der Sportler seine Strecke und seine Ziele imaginiert.
Mein Bild, innerhalb weniger Minuten etabliert und ganz absichtlich nicht modelliert und infrage gestellt, war ich als relativ schlanker, wissender und wacher Mann, der in einer der berühmt-berüchtigten Fussgängerzonen des Ruhrgebietes steht und sich die Auslagen anschaut, sich bewusst seiner Umwelt und natürlich der immer noch und immer wieder schöner Frauen darin, zugleich aber stiller, atmender, weiser und lächelnder, in sich ruhend. Und offenbar altersgerecht gesund. Und natürlich schwarz gekleidet ;-)

Komisch, welche Sicherheit und Richtung mir das Bild immer gegeben hat, wenn ich es visualisiert habe.
Mein eigener innerer Leitwolf sein, den seine Außenrolle nicht mehr interessiert, ein Lächelnder, einer, der freundlich aufsteht und still geht, ohne einen einzigen Blick zurück.
Als ich das Bild suchte hatte es, wie atmosphärische Interferenzen, die auf verschneite Schüsselantennen treffen, plötzliche Vergröberung der Pixelstruktur und Geisterbilder verursachen, Unschärfen und Verdoppelungen, wurde diffus und transparent, als sei es im Begriff zu verschwinden, mir vorauszugehen, mich zu verlassen.

Bis jetzt sind Lücken in der kaum allzu belastbaren Diagnose, dennoch genug Wissen, um sie selbst jetzt noch kaum ganz in mein Bewusstsein aufgenommen zu haben - wird es den nächsten Verblutungsschock geben, wann wird er kommen, wo werde ich sein, wird es wieder auf so seltsame Weise teils spannend, teils fast beruhigend sein, dieser Übergang in die Träume?

Ich arbeite wieder, aber auch da hat sich etwas geändert: mich plagen Attitüden der Unabkömmlichkeit nicht mehr, ich will aufhören, sobald sich eine finanziell akzeptable Grundlage dazu zeigt.

Aber: noch strömt täglich Eisen in mein Blut und viel Gutes mehr, ab und zu lausche ich, wie ein Teil der Erythrozyten eines fremden Menschen, die in mir um die hundert Tage überleben, vergehen, wie ihre Vorgänger und wie ihre Nachfolger.
Bilder, Blut - alles fließt.

S., es ist, als bei mir alles anfing, sehr kalt geworden hier; und es ist kalt geblieben, so kalt, dass ich manchmal denke, das ganze Zeug in mir nimmt keine Wärme an, lässt sogar den Sauerstoff, mit dem es beladen ist, gefroren, kühlt meine Haut und Schleimhaut und ich friere.
Und dann vor allem, mühsam auf dem Sprung von einer kleinen Wärmeinsel zur nächsten, verstehe ich deine Tränen und verstehe, warum ich mich immer so gesehnt habe und wohl immer sehnen werde nach einem sanften, warmen, zärtlichen Mädchen, einer schönen Frau, die mich an ihrer bloßen Brust bettet und hält, bis auch in mir dieser stille Fluss aus Schmerz und melancholischer Verwunderung versiegt und ich endlich eingeschlafen bin.


Donnerstag, 28. Februar 2013

ab und zu dreht sich die Welt wie ein Karussell weiter, wenn ich für kurze Blicke in den Rückspiegel den Kopf wende, ab und zu presse ich mich an ein Treppengeländer bei der 112. Stufe, um abzuwarten, bis Oberarme und Waden wieder durchblutet werden.
Der Internist ist immer fröhlich, zeigt mir längliche dunkle Schatten, wo die Gallenblase liegt, deutet die überdimensionierte Milz, bewundert die blitzartigen Reflexe, in die sich der Ultraschallstrahl teilt beim Aufprall auf hier und da liegende Nierensteine.
Die Arzthelferin durchsticht routiniert die von den Infusionen noch wandständigen Eisenpolster in den Venen, immun gegen mein Aufjaulen.
Mein Hämoglobin ist auf 11g/dl angestiegen, das Blut von unfassbaren 60 Promille Retikulozyten angereichert.

Irgendwo draussen auf dem Meer, vielleicht auch auf der Insel, um Sylvester herum, ist mir das innere Bild abhanden gekommen, in dem ich lebte und lachte und liebte, souverän und schön, irgendwann in den letzten Wochen habe ich es vermisst, als ich es an die imaginäre Wand vor mir hängen wollte, Leitbild für den Leitwolf, das Wappen im Schild der Mutigen, Ikone der Handlung, Weg und Ziel.
Und das macht mir die größte Furcht.


Montag, 25. Februar 2013

das Warten auf den Einstich in den Arm, das Warten auf den Schnitt des Skalpells, das Warten auf das Wirken der Lokalanästhesie im Gewebe unter dem Rippenbogen, das Warten auf den Einstich der langen Hohlnadel in die Leber selbst - und dann das Warten auf die Aufarbeitung der Stanzzylinder, Einbetten, Schneiden, Färben und Beurteilen, endloses Warten für jemand, der zu gut weiß, was kommen kann und nicht weiß, was kommen wird, innen unterdrücktes Toben und draussen der tobende Karneval, und die Tage gehen ineinander über und werden zu Wochen, kalt und dunkel und ohne Plan, denn jeder Plan braucht einen Start, und es gibt keinen Start beim Warten, es gibt kein Ziel ohne Wissen, ohne Diagnose.
Alles kommt, alles bekommt Namen und wird von Schall und Rauch zu Begriff und Nummer.
Und NASH steht nicht für Nashville, Tennessee, steht nicht für Wein und Gesang.
Ein Stück Leben zusammengefasst auf zwei DIN-A4-Blättern, ein Stück Leben aufgeteilt in ein Dutzend Ziffern, die erst in der Zusammenschau sagen: das ist Dein Weg jetzt, das ist ab jetzt Deine Landkarte - geh' so, und Du kannst es schaffen, weiche ab, und Du wirst die Grenzen kennenlernen.
Und letztlich sagt es nichts, moderne Abkürzungen für Eigeweihte, Unterklassen für Experten, eine Option für statistische Wendungen, aber Teil Drei der Bibel, die besingt, was nun nicht mehr sein darf, was nun sein muss.
Und so, wie jeder Weg mit dem ersten Schritt beginnt, fange ich an mit der ersten Tablette, fange an mit Aufhören, fange an mit Supplement und Surrogat und Verzicht.
"Wir sind nicht sicher, was es war und was es ist", sagt der Chef sanft durch seine Silhouette-Brille, "deshalb gibt es nur eine Sicherheit: es kann morgen wieder geschehen - und dann warten Sie nicht mehr so lange, den Weg zu uns zu finden. Die Chance war jetzt 1:3 - beim nächsten Mal wird sie 1:2 sein.
Viel Glück".


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